Marie Boehlen (1911-1999)

„Meine Leidenschaft - die Politik - habe ich erst mit 60 Jahren leben dürfen."

© AGoF: Archiv zur Geschichte der Schweiz
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Marie Boehlen kommt 1911 auf dem Bauernhof ihrer Eltern im bernischen Riggisberg zur Welt. Früh beginnt sie zu lesen und sieht sich bereits als Schriftstellerin und an der Universität. Ihr politisches Interesse hält sich in der Jugendzeit noch in Grenzen.

Nach dem Lehrerseminar holt Boehlen gegen den Willen ihres älteren Bruders, der nach dem Tod der Eltern deren Hof übernommen hatte, die Matura nach und studiert Jurisprudenz. An der Uni beginnt sie sich für Frauenfragen und Politik zu interessieren.

Nach ihrem Studienabschluss präsidiert sie den bernischen Frauenstimmrechtsverein. Sie erlangt den Doktortitel und findet mit 46 Jahren endlich die Stelle, die ihren Fähigkeiten entspricht: Sie wird die erste stadtbernische Jugendanwältin und somit die erste vollamtliche Jugendanwältin der Schweiz.

Als 1971 schliesslich das Frauenstimmrecht eingeführt wird, lässt sich die 60-Jährige pensionieren. Endlich darf sie nun, wie sie selber sagt, ihre Leidenschaft - die Politik - leben, wird sie doch erst in den Berner Stadtrat und 1974 als eine der ersten Frauen in den bernischen Grossrat gewählt. Mit 74 Jahren erhält sie den Dr. Somazzi Preis als Anerkennung ihres lebenslagen Engagements für die Gleichberechtigung der Frauen.

An ihrer Dankesrede sagt sie, sie habe mehr Niederlagen als Erfolge erlebt und sich wegen ihres Einsatzes für die Frauenrechte oft „verhasst" gemacht. Dennoch habe sie in bescheidenem Masse zu einem grossen gesellschaftlichen Wandel beigetragen: der „Wandlung einer Beziehung der Unter- und Überordnung in eine Beziehung der gleichwertigen und gleichberechtigten Partnerschaft zwischen den Geschlechtern."

Buchtipp aus der EBG-Dokumentationsstelle:
Lüscher, Liselotte (2009): Eine Frau macht Politik. Marie Boehlen 1911-1999. Zürich: Limmat Verlag

https://www.ebg.admin.ch/content/ebg/de/home/dokumentation/persoenlichkeiten-aus-der-schweizer-gleichstellungsgeschichte/marie-boehlen--1911-1999-.html