Judith Stamm (1934)

„Zuerst musste ich herausfinden, was mit Emanze genau gemeint war. Mit der Zeit habe ich dieses Etikett als Auszeichnung betrachtet, weil die Menschen meinen klaren Standpunkt auch schätzen gelernt haben."

© Sabina Bobst

Judith Stamm wurde 1934 in Zürich als Tochter eines Bahnbeamten und einer Hausfrau geboren. Schon während ihrer Gymnasialzeit war die Idee der Gleichberechtigung von Mann und Frau in ihrem Kopf fest verankert. Sie ärgerte sich über die Auffassung so mancher Schulkameradin, die Frau sei nur dazu da, Kinder gross zuziehen und den Haushalt zu führen.

Früh wusste Judith Stamm, dass sie Juristin werden wollte. Sich für eine Sache oder für jemanden einsetzen und dadurch eine Situation zu verändern, sah sie als ihre Aufgabe an. Nach ihrem Studium der Rechtswissenschaften an der Universität Zürich schrieb sie ihre Dissertation.

Bis 1960 arbeitete sie am Bezirksgericht in Uster. Gerne wäre sie Gerichtsschreiberin geworden, allerdings fehlten ihr als Frau das Recht zu stimmen, zu wählen und gewählt zu werden. Stattdessen bewarb sie sich als Polizeiassistentin in Luzern und erhielt die Stelle. Das notwendige Polizeiwissen eignete sie sich mit Kursen an. Zwanzig Jahre lang blieb sie bei der Polizei, bildete Polizeianwärter aus und wurde schliesslich zur Offizierin befördert.

Ihre politische Karriere begann 1971, als sie der CVP beitrat. Mit 37 zog sie schliesslich gemeinsam mit einer Parteikollegin als erste Frau in den Grossen Rat des Kantons Luzern ein. 1983 wurde sie zur Nationalrätin gewählt. In ihrer Amtszeit sorgte sie in konservativen Kreisen immer wieder für harsche Kritik - etwa mit ihrem unermüdlichen Einsatz für eine neue strafrechtliche Regelung des Schwangerschaftsabbruchs (Fristenlösung). 1986 kandidierte sie aus Wut darüber, dass die CVP-Fraktion keine Frau als Nachfolgerin der scheidenden Bundesräte Furgler und Egli in Betracht zog, für den Bundesrat. Obwohl sie nicht gewählt wurde, sprach sie mit dieser Aktion anderen Frauen Mut zu.

Die Gründung des Eidg. Büros für die Gleichstellung von Frau und Mann im Jahre 1988 war nicht zuletzt Stamms Verdienst, reichte sie doch zwei Jahre zuvor im Nationalrat eine Motion zwecks Schaffung einer Bundesstelle zur Durchsetzung des Verfassungsartikels „Gleiche Rechte für Mann und Frau" ein. 1989 wurde Judith Stamm Präsidentin der Eidg. Kommission für Frauenfragen (EKF). Sieben Jahre später, im Jahre 1996, als das Gleichstellungsgesetz in Kraft trat, präsidierte sie den Nationalrat. 

Buchtipp aus der EBG-Dokumentationsstelle:

Zeindler, Nathalie (2008): Beherzt und unerschrocken. Wie Judith Stamm den Frauen den Weg ebnete. Zürich: Xanthippe Verlag

 
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